Architekturkritik – Ozeaneum Stralsund

Theorie und Geschichte der modernen Architektur,
Betreut von
Dr.-Ing. Norbert Korrek

Von Martin Breuer
Seminargruppe C, Semester 5

Bauhaus-Universitaet Weimar

Letztes Jahr wurde in Stralsund das Ozeaneum fertiggestellt und eingeweiht. In einem öffentlichen Wettbewerb, ausgeschrieben vom Deutschen Meeresmuseum, konnte sich das Architekturbüro “Benisch und Partner” aus Stuttgart gegen internationale Konkurrenz durchsetzen. Baubeginn war 2005. Schon im Rohbaustadium zeigte sich die Einzigartigkeit und Kühnheit des Entwurfes von Elke Reichel und Peter Schlaier.
Von Beginn der Bauphase, wurden öffentliche Stimmen laut. Es gab Bedenken, denn es sollte neben der im Jahr 2007 eröffneten Rügenbrücke, das erste Bauwerk in Stralsund sein, welches eine derartige Größenordnung und somit Einfluss auf das Bild der Stadt besitzen würde. Auch über ein Jahr nach Fertigstellung, gibt es noch immer eine geteilte Meinung zum Ozeaneum, besonders unter der Bevölkerung Stralsunds. Inwiefern die Stimmen der Kritik berechtigt sind, soll hier mit einer tiefer greifenden Architekturanalyse und einer anschließender kritischen Auseinandersetzung mit dem Gebäude geklärt werden.

Da ich in Stralsund aufgewachsen bin und durch die Tätigkeit meiner Eltern, schon immer reges Interesse an der sich mittlerweile immer schneller entwickelnden touristischen Erschließung Stralsunds hegte, verfolgte ich den Diskurs um das Bauvorhaben von Anfang an. Zusätzlich war ich während eines Teils der Bauphase als Praktikant in dem bauleitenden Architekturbüro tätig und konnte so die Entwurfsidee sprichwörtlich von innen heraus nachvollziehen.

Die Hansestadt Stralsund befindet sich im Nordosten der Bundesrepublik und fungierte dank ihrer Lage an der Ostsee als wichtiger Handelspunkt der Hanse. 2002 wurde Stralsund mit dem Status des Weltkulturerbes der Unesco geehrt. Außerdem gilt die Stadt als das Tor zur Insel Rügen.

Das Stadtbild wird von drei monumentalen Kirchtürmen geprägt. Dazwischen besteht die Altstadt überwiegend aus aufwendig restaurierten Giebelhäusern, die im 14. Jahrhundert reichen Kaufleuten als Wohnhäuser dienten. Eine weitere Sehenswürdigkeit ist das Rathaus aus dem 13. Jahrhundert, welches im Stil der für Stralsund typischen norddeutschen Backsteingotik errichtet wurde. Im Grundriss lässt sich erkennen, dass alle großen Straßen der Altstadt auf den Hafen ausgerichtet sind. Grund hierfür war die große Bedeutung des Handelspunktes am Strelasund während der Hanse-zeit.
Das Ozeaneum liegt inmitten der Stralsunder Hafeninsel, die 1860 künstlich aufgeschüttet wurde. Die Umgebung wird durch alte Speichergebäude und einige modern sanierte Wohn- und Geschäftshäuser geprägt. Die unmittelbare Nähe zu Rügen und zu der Innenstadt Stralsunds ist überall sichtbar.

Betritt man die Hafeninsel aus Richtung Süden mittels einer der insgesamt vier Brücken über die “Hafenstraße”, eröffnet sich dem Besucher die Sicht entlang der vordersten Front Stralsunds. Aus der optischen Mitte dieser Sichtachse, wölbt sich das Ozeaneum durch eine Auskragung auf der Linken Seite, und verändert somit die eigene Perspektive. Der Besucher fühlt sich von dem geschickt in den Raum eingreifenden Museumsteil regelrecht angezogen und wird somit in dessen Richtung geführt.

Dreht der Besucher sich nun Richtung Stadt um, kann er die wahre Form des Gebäudes wahrnehmen. Grundsätzlich besteht das Bauwerk aus vier runden Körpern. Sie werden aus elliptischen Formen aus dem Grundriss vertikal extrudiert . Wie von Wellen umspülte Steine, ragen die mit weißen Schiffsstahl verkleideten Gebilde 25 Meter empor. Die Körper werden durch ein gläsernes Foyer zusammengehalten.

Durchschreitet man den Eingang, steht man unmittelbar in dem 20 Meter hohen bindenden Foyer des Bauwerkes. Dieser Raum beherbergt gleichzeitig auch den größten Teil der Erschließung des Ozeaneums. Die Verbindung der vier Körper durch den Rundgang, wird über eine Vielzahl von Rampen und Stegen gelöst, woraus sich dynamische Raumsituationen im Blickfeld des Eintretenden entwickeln. In der Materialität überwiegt im Foyer heller Sichtbeton und der weiße Schiffsstahl der Körper, welcher im inneren des Museums fortgeführt wurde. An den Treppenläufen und Brüstungen werden einige Akzente mithilfe von hellem Holz gesetzt. Der Bodenbelag besteht aus Granitpflaster und entspricht dem des Außenraums.

Direkt vor dem Betrachter befindet sich der Museumsshop, rechterhand dient ein langer Tresen als Kasse. Der Besucher wird von der Kasse Richtung Norden geleitet und befindet sich nun in einem geschlossenerem Raumteil des Foyers, welcher die sanitären Anlagen, einige Schließfächer und eine Treppe beherbergt. Mit der Treppe erreicht man die erste Ebene, auf der sich eine 30 Meter lange Rolltreppe befindet, die den Start des Rundgangs markiert.
Mit dem hinauf-gleiten eröffnet sich dem Besucher der Ausblick Richtung Rügen. Auf der dritten Ebene angekommen, bleibt Zeit zum verweilen. Der Blick schweift über das Wasser, vorbei an der neuen Strelasundquerung, dem alten Marine-segelschulschiff “Gorch Fock” und der Küste Rügens.

Wendet man sich nun nach links, sieht man den Eingang zu ersten Ausstellungsfläche mit dem Thema “Weltmeere”. Sie liegt in einem geschlossenem, dunklen Raum auf oberster Ebene des ersten Körpers. Im Gegensatz zum lichtdurchfluteten Foyer, gibt es hier keine Öffnungen nach draußen. Die Exponate sind in etwa drei Meter hohen, beleuchteten , prismenförmigen Vitrinen eingeschlossen und scheinen in dem ansonsten leeren Raum zu schweben. Somit bekommen die Exponate die ungeteilte Aufmerksamkeit des Besuchers.
Geleitet durch die Platzierung der Vitrinen, findet man zu einer Treppe am anderen Ende des Raumes. Sie führt in die mittlere Ebene des ersten Körpers zur Ausstellung “Ostsee”. Auch dieser Raum ist stark abgedunkelt und besticht ebenfalls durch die Ausleuchtung der radial angeordneten, raumhohen Displays. Am westlichen Ende dieser Ausstellungsfläche fühlt man sich vom Licht angezogen und betritt erneut das Foyer auf einer seiner balkonartigen Erschließungsebenen.

Der zweite Körper empfängt den Besucher mit einer großen Öffnung, die den Blick auf das erste Aquarium freigibt. In dem Bassin befindet sich eine Nachbildung des Stralsunder Hafenbeckens, welche von einigen einheimischen Fischarten bewohnt wird. Der Besucher erfasst das Becken zunächst von oben, durch eine weitere Treppe gelangt er auf Augenhöhe der Aquarienbewohner und betritt somit den Bereich “Aquarien Ostsee”. Der Rundgang schlängelt sich um die Zentral angeordneten Becken. Unerwartet öffnet sich der ansonsten in sich gekehrte Raum an der nördlichsten Stelle des Museums. Bei erneutem Blick auf den Strelasund, auf einer über der “Neuen Semlowerstraße” befindlichen Auskragung, hat der Besucher wieder Zeit zum verweilen. Die raumhohe Öffnung in Form eines Parallelogrammes, rahmt die Sicht und ermöglicht den Blick durch die Häuserfronten der Speichergebäude auf die “Gorch Fock”.
Der Rundgang um die Ostseeaquarien geht weiter. Immer wieder geben kleine Fenster in Türen, die zwischen den Aquarien unregelmäßig auftauchen, Einblick in die intimen Technikräume des Museums. Nach einigen weiteren Aquarien, gelangt der Besucher, aus dem durch indirekte Beleuchtung grün schimmernden Bereich der Ostsee wieder in das Foyer.
Der Rundgang wird per Ausschilderung zurück in den ersten Körper geführt, in dessen untersten Ebene sich die Sonderausstellungsflächen befinden. Der Weg durch den Raum der Sonderausstellung, unterscheidet sich je nach Thema der ständig wechselnden Exponate.

Aus der Sonderausstellung geht es auf gleicher Ebene in den dritten Körper, der die Aquarien der Nordsee beherbergt. Wie auch bei den Ostseeaquarien wird der Besucher um die zentral in einem verdunkeltem Raum angeordneten Fischbecken geleitet. Auch hier ist die einzige Lichtquelle das indirekte, diesmal blaue Licht der Aquarien. Etwa in der Mitte des Nordseerundgangs gibt es einen Tunnel aus Acrylglas, welcher das Hochseeaquarium durchdringt Über den Köpfen der Besucher, schwimmen Katzenhaie und Lippfische umher.
Am Ende des Nordseebereiches, erwartet einen das größte Becken des Museums. Das Schwarmfischbecken ist 9 Meter tief und besitzt ein Fassungsvermögen von 2,6 Millionen Litern. Durch eine 5 Meter hohe und 10 Meter breite konvex-konkave Acrylglasscheibe schaut man nun in das endlos erscheinende, blau schimmernde Becken. Wendet der Besucher seinen Blick vom Becken ab, bemerkt er eine Treppe nach unten, welche in eine art Krypta führt, bei der dem Besucher der Blick in das Schwarmfischbecken von unten durch eine 13 Meter Breite geneigte Scheibe ermöglicht wird.
Um den Museumsrundgang fortzusetzen, steigt man die Treppe aus der Krypta wieder hinauf und gelangt zu einer weiteren Treppe, die sich um die östliche Seite des Schwarmfischbeckens schwingt. Man findet sich erneut im hellen Foyer wieder, bevor man den vierten Körper betritt.

Auf oberster Ebene des vierten Körpers angekommen, eröffnet sich dem Besucher eine 20 Meter hohe und 30m lange Halle mit der Ausstellung “Riesen der Meere”. Von der Decke hängen lebensgroße Nachbildungen von insgesamt 5 Walfischen. Dabei stellt der 26 Meter lange Blauwal die Hauptattraktion dar.
Nach ausgiebigem Beschauen der Halle und der Walnachbildungen, dreht sich der Besucher nach links und wendet sich dem Ausstellungsteil des letzten Körpers zu. Etwa ein Drittel des Raumes ist in 3 Ebenen unterteilt und beherbergt weitere Displays. Der Besucher wird um die Ausstellungsstücke herumgeführt und immer wieder zu der in den Luftraum ragenden Brüstung zurück gezogen, an der er wie auf einer Aussichtsplattform den Raum erfassen kann. Mittig dieser Plattformen führt eine Treppe zu den darunterliegenden Ebenen. Auf der untersten Ebene, in der Mitte des Raumes, wurden einige Liegen aufgestellt, auf denen der Besucher nun platz-nehmen kann. Den Blick nach oben gewandt, von den Wasseranimationen an der Deckenscheibe und den Lauten der Wale verzaubert, genießt man seine letzten Minuten im Ozeaneum. Der große Raum dient auch gleichzeitig als Veranstaltungssaal und Kino.
Der Besucher verlässt den letzten Ausstellungsteil auf der untersten Ebene, wird an dem Museumsshop vorbeigeführt und steht wieder unmittelbar am Eingang des Museums.

Wie schon eingangs erwähnt gibt es in der Bevölkerung Stralsunds geteilte Meinung über das Ozeaneum. Das Verständnis für zeitgenössische Architektur ist bei den Stralsundern noch nicht stark genug ausgeprägt, stellt doch der Museumsbau das erste Gebäude dieser Formensprache und Größe in der Stadt dar. Gerade die eigenwillige Form und das Abheben von der gegebenen Bausubstanz wird kritisiert. “Klo-rolle Stralsund” heißt es auf einer Postkarte. Kopfschütteln und Unverständnis erntet der Bau.
Form und Farbe ist divergent zu Stralsunds Skyline, dennoch wird das Gebäude aus der Ansicht nicht zu wichtig. Es lässt genug Freiraum für den Bestand, es nimmt sich Teilweise gegenüber der Bebauung auf der Hafeninsel zurück und wird zum fließenden Hintergrund. Besonders die Östliche Seite des Bauwerks ist gut gelungen. Zum einen der gläserne Anschluss zum benachbarten Speichergebäude, der versucht zwischen der runden Formensprache des Museums und des geradlinigem Ausdrucks des Speichers zu vermitteln. Er schafft einen akzeptablen Übergang, sodass das Ozeaneum in seiner horizontalen Ausbreitung nicht zu konträr erscheint. Zum anderen die Blickbeziehungen aus Südöstlicher Richtung, die es sich zur Aufgabe machen das Gebäude nicht einzeln zu präsentieren, sondern, durch das scheinbare durchdringen der anderen bestehenden Gebäude, in seine Umgebung zu verflechten.

So gelungen die Wasserseite des Museums auch ist, desto einfallsloser ist die gegenüberliegende Seite. Eine graue Wand aus Beton, bietet der unmittelbar und nur durch einen etwa 10 Meter breiten Kanal getrennt angrenzenden Stadt Paroli. Zwei der viel Körper lösen sich nach unten in eine triste Fläche auf. Die längste und aus der Stadt am meisten präsente Seite des Museums scheint unfertig.

Eine weitere umstrittene Stelle ist die Auskragung an der Nordseite des Museums, über der “Neuen Semlowerstraße”. Sie bricht die sonst homogene Form mit einem Rücksprung der untersten Ebene und wirkt sich somit negativ auf den Fluss des Gebäudes aus. Es ist die schroffe Gegenüberstellung von Kante und Rundung, die an dieser stelle zum einzigen mal im gesamten Gebäude auftaucht und damit willkürlich wirkt. Richtung Osten, öffnet sich die Fassade um das parallelogramm-förmige Fenster der “Ostsee Aquarien” zu bilden. Alle vier Körper sind ansonsten komplett in sich geschlossen. Zu guter Letzt, wird hier nun plötzlich schwarz getöntes Glas verbaut, das sonst nicht einmal im ganzen Museum auftaucht. Die gesamte Nordseite entspricht somit nicht unbedingt der Formensprache des restlichen Museums.

Auch im Inneren des Gebäudes gibt es einige Dinge die hier angesprochen werden sollten.
Während des Rundgangs, hat der Besucher nur sehr selten eine Chance die Architektur wahrzunehmen. In den Körpern gibt es keinen Bezug nach draußen. Das mag zwar die komplette Aufmerksamkeit des Besuchers auf die Exponate und Aquarien lenken, allerdings fällt es dann auch sehr schwer sich zu orientieren und ein Raumgefühl zu entwickeln. Dies funktioniert leider nur, sobald der Besucher von einem Ausstellungsbereich über das Foyer in den nächsten wechselt. Des Weiteren nimmt die Dunkelheit der Ausstellungsflächen dem Gebäudeinneren jegliche Materialität, obwohl gerade das Zusammenspiel von weißem Stahl, Beton und hellem Holz sehr interessante Kompositionen ermöglichen könnte und damit die Räume aufzuwerten wüsste.
Eine kleine Sache die bei genauem Hinschauen auffällt: Im Foyer wird der Blick auf den Strelasund durch das Restaurant und durch eine ungünstig über der Kasse angebrachte, relativ große Preisliste etwas behindert. Diese Art von Fehlern entstehen schnell, allerdings sind sie genauso schnell wieder zu beheben. Es ist schade zu sehen, dass sich auch über ein Jahr nach Eröffnung noch nichts daran geändert hat.

Alles in allem bin ich von dem Ozeaneum sehr überzeugt. Schon seit Jahren versucht Stralsund sich touristisch weiterzuentwickeln, um die größtenteils auf dem Dienstleistungssektor ausgerichtete Kommunalwirtschaft zu unterstützen. Das Ozeaneum gibt der Stadt eine jüngere, offenere Identität. Es ist gerade durch die vielen Diskussionen und seiner Extravaganz neben der Rügenbrücke zu einem Publikumsmagnet geworden. Für die zukünftige Entwicklung Stralsunds war der Bau des Museums ein wichtiger Schritt, gerade auch für die Entwicklung der Hafeninsel als neues Kunst- und Kulturzentrum.
Auch wenn es einige Dinge an dem Bauwerk gibt die nicht ganz stimmig sind, so rücken gerade diese kleinen Macken das Gebäude immer wieder in das Gespräch. Es ist dieser Diskurs der die Bevölkerung Stralsunds zum Nachdenken anregt, der sie lehrt auch zweimal hinzuschauen. Und genau aus diesem Grund, braucht Stralsund sein neues Museum.

Bildnachweis:
Grundrisse und Schnitte: Die neuen Architekturführer NR. 144 – Ozeaneum Stralsund
Berlin : Stadtwandel-Verlag, 2009
Autor: Thomas Michael Krüger Fotos: Roland Halbe

Andere Abbildungen: Martin Breuer

Quellen: Die neuen Architekturführer NR. 144 – Ozeaneum Stralsund
Berlin : Stadtwandel-Verlag, 2009
Autor: Thomas Michael Krüger Fotos: Roland Halbe

OZEANEUM – GERMAN OCEANOGRAPHIC MUSEUM
STRALSUND, GERMANY, 2002–2008
Behnisch Architekten
http://www.behnisch.com/site_files/pdf/147.pdf

http://www.stralsundwiki.de/index.php/Hauptseite/*

http://www.ozeaneum.de/*

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