Stadtstrukturen und Kriminalitaet

Ueber den Einfluss der Architektur auf unser Handeln und auf das Ich

Wir leben heute in einer Welt, die wir uns zu einem Großteil selber geschaffen haben. Neben den natürlichen Gegebenheiten, bestimmen vor allem von Menschenhand erschaffene Strukturen das Bild unserer Umgebung.

Das Bilder auf den Menschen eine Wirkung haben, wird schon allein durch die Existenz der Kunst oder des Fernsehens bewiesen. Seit einiger Zeit beschäftigt sich die Psychogeographie mit dem Thema, welchen Einfluss die Architektur und die Städteplanung auf unser Wohlbefinden haben. Aus dieser Wissenschaft geht unter anderem die Kunstrichtung der Situationisten hervor, die sich vor allem mit der unterschiedlichen Wirkung von Stadtbausteinen auseinander setzt. Sie sind der Meinung, dass der bebaute Raum der sichtbare Ausdruck des rationalen Denkens ist und Gebäude wie ein Medium bestimmte Ansichten und Verhaltensweisen suggerieren können. Licht, Sound und Zeit dagegen, bilden eine Masse aus Assotioationsketten und beeinflussen die Wahrnehmung auf eine seichte Art und Weise.
Neben Wissenschaftlern und Künstlergruppen sind auch Philosophen davon überzeugt, dass Architektur mehr ist, als nur die Summe seiner Bauteile. Walter Benjamin beschreibt Einkaufspassagen als Geburtsstätten der Konsumgesellschaft und geht damit sogar von der verhaltensverändernden Macht artifizieller Strukturen aus.

Nach der Sichtweise Freuds, handelt jeder Mensch nach Motiven, die in seiner Psyche generiert werden. Alle gebildeten Motive können wir nach Freud in drei Grundstrukturen einordnen. Das Über-Ich wird vor allem aus sozialen Bindungen geformt. Dabei spielen die Menschen in direkter Umgebung eine große Rolle, also auch Nachbarschaften beziehungsweise ganze Stadtviertel. Das Über-Ich ist der Gegenspieler des Es und bildet die moralischen Motive der Psyche. Das Es übernimmt die unbewusst und triebhaften Vorgänge unserer Psyche und ist überwiegend durch Reize aus der Umwelt bestimmt. Das Ich spielt bei der Theorie Freuds den Vermittler zwischen Es und Über-Ich. Alle drei Instanzen sind also direkt an der Planung und Ausführung einer Handlung beteiligt. Zwei von drei dieser Instanzen können von Faktoren der Umwelt beeinflusst werden.
Auch bei der Betrachtung von Theorien Freuds Kritiker, wie zum Beispiel Heinz Kohuts Selbstpsychologie zeigt sich die Veränderbarkeit der Psyche durch Umwelteinflüsse. Hier vermittelt nicht das Ich sondern das Selbst. Das Selbst entsteht durch die Bildung von Selbstrepräsentanz welche wiederum durch die ständige Relationierung des Ichs im Bezug zu einem Objekt bestimmt wird. Ein Objekt, kann jede Person, jeder Gegenstand, jeder Raum sein, mit denen wir Gefühle assoziieren.

Der soziale Stand eines Menschen, ist in erster Linie von Geburtsfaktoren bestimmt. Akademiker Kinder schlagen in ihrer Entwicklung statistisch gesehen oft selbst eine universitäre Laufbahn ein. Die Kinder von Eltern mit niedrigem Bildungsstand gehen meist nicht so lange auf die Schule. Es ist das soziale Umfeld, aus denen wir unsere Normen und Werte bilden, wie auch schon Klaus Hurrelmann in seiner Sozialisationstheorie feststellte. Das Leben in einer Gemeinschaft formt unsere Persönlichkeit. Wir ahmen vorgelebtes nach, adaptieren die Verhaltensmuster unser Nächsten.
Dennoch gibt es Ausnahmen. Wie der Mensch sein Leben gestaltet hängt eben auch von Entscheidungen ab, dessen Grundmotiv nicht zu den sozialen Gegebenheiten jener Person passt. Wie schon erwähnt können auch Faktoren wie Objektbezüge oder Umwelteinflüsse zu veränderten Handlungsmotiven führen.

Und genau darin liegt das Problem. Leute mit einem niedrigen sozialen Stand leben in der Regel in sehr unattraktiven Gegenden. Sie können eine positive Wirkung von Architektur nur selten wahrnehmen und somit auch sinkt auch die Chance, dass ihr Denken und Handeln von nicht soziokulturellen Einflüssen positiv beeinflusst wird.

Ein großer Teil dieser Problematik kann auf die Segregation zurückgeführt werden. Das leben in abgegrenzten Gebieten, ähnlich wie gated communities, fördert die soziale Entflechtung von der Gesellschaft.
Der Segregation muss entgegengewirkt werden. Dies kann durch aufmerksame Planung von neuen Baugebieten passieren aber auch durch Umstrukturierung vorhandener Gebiete. Corbusiers Wohnmaschine haben wir mit den WBS70 Bauten als nicht praktikabel erwiesen. Der psychische Einfluss solcher monotonen Umgebungen auf den Menschen ist alles andere als gut. Das fehlen von positiver Identität solcher Stadtviertel stellt eine zusätzliche Belastung für dessen Bewohner dar.

Die Stadtplanung ist ein mächtiges Werkzeug. Leider wird es oft nicht als solches Verstanden. Wollen wir also Menschen dazu bringen althergebrachte Denkmuster neu zu fassen, können wir mit der Architektur eingreifen. Die Vermischung von verschiedenen sozialen Ständen, Religionen und Demographien birgt den weiteren positiven Aspekt, dass die ständige Konfrontation mit anderen Normen und Werten, die Bildung einer differenzierteren Selbstrepräsentanz zur folge hat.

„Unser Alltag wird zu einem wesentlichen Teil durch die Architektur bestimmt, die uns Tag für Tag umgibt. […] Die Architektur schafft den notwendigen baulichen Rahmen, in dem wir uns bewegen. Ohne Architektur wäre die menschliche Gesellschaft nicht denkbar.“ (Jürgen Tietz: 1998 In: Geschichte der Architektur des 20. Jahrhunderts.)

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